Wie Jean Patou und Suzanne Lenglen die Damensportmode in den 1920ern neu erfanden
|Huub van Boeckel
Die Roaring Twenties waren eine kulturelle Renaissance. Jazz elektrisierte die Nachtclubs, die Moderne eroberte Kunst und Literatur, und auf dem Tennisplatz vollzog sich eine stille Revolution, gewebt aus Seide und Selbstbewusstsein. Im Zentrum dieses Wandels standen der französische Designer Jean Patou und Tennisikone Suzanne Lenglen, zwei Visionäre, die für immer veränderten, wie Frauen sich kleideten, bewegten und antraten.
Wimbledon 1919: der Moment des Schocks
In einer Zeit, in der von Sportlerinnen noch erwartet wurde, Korsetts, Unterröcke und bodenlange Röcke zu tragen, veränderte ein einziges Match alles. Am 7. Juli 1919 betrat die 20-jährige Lenglen das Centre Court von Wimbledon, um gegen die siebenfache Championin Dorothea Lambert Chambers anzutreten, vor ausverkauften 8.000 Zuschauern, darunter König George V. und Königin Mary. Chambers trug die traditionelle Kleidung jener Zeit: Mieder, Unterröcke, eine hochgeschlossene Bluse und einen Rock, der über den Rasen schleifte. Lenglen erschien in einem wadenlangen Faltenkleid ohne Korsett und ohne Unterrock, mit bloßen Unterarmen. Manche Zuschauer waren vom Anblick ihrer Knöchel und Arme so schockiert, dass sie mitten im Match den Platz verließen.
Lenglen gewann das Finale mit 10-8, 4-6, 9-7, in einem Match, das bis heute als eines der größten Damenspiele aller Zeiten gilt, und sie gewann zwischen 1919 und 1925 sechsmal das Wimbledon-Einzel. Dieser eine Nachmittag auf der Worple Road tat mehr für die Sportbekleidungsrevolution, als es jede Modenschau je hätte tun können.
La Divine: eine Championin für die Moderne
Die französische Presse nannte sie "La Divine", die Göttliche, und die Bilanz bestätigt es. Zwischen 1919 und 1926 verlor Lenglen nur ein einziges Match, eine Serie von 181 Siegen in Folge. Bei den Olympischen Spielen 1920 in Antwerpen gewann sie Gold im Einzel und im Mixed-Doppel sowie Bronze im Damendoppel, ohne in ihrem gesamten Einzelturnier mehr als vier Spiele pro Match abzugeben. Sie tanzte über die Grundlinie auf eine Art, mit der Gegnerinnen einfach nicht mithalten konnten, mehr Fußarbeit und Rhythmus als Kampf, mehr Ballett als Gefecht. Diese Art der Bewegung war in der schweren, einengenden Kleidung, die Frauen damals noch tragen mussten, schlicht unmöglich.
Das Match des Jahrhunderts
Nirgendwo zeigte sich Lenglens Starkraft deutlicher als am 16. Februar 1926, als sie endlich auf den aufstrebenden amerikanischen Star Helen Wills im Carlton Club in Cannes traf. Die Ticketpreise schossen in die Höhe, Zuschauer kletterten auf Dächer und Leitern, um einen Blick zu erhaschen, und europäischer Hochadel füllte die Tribünen. Lenglen gewann in zwei Sätzen, 6-3, 8-6, in einem Match, das die Weltpresse als "Match des Jahrhunderts" bezeichnete. Ihrem Ruf treu, beruhigte sie zwischen den Spielen ihre Nerven mit in Cognac getränkten Zuckerwürfeln, diskret versteckt in ihrer Wasserflasche am Spielfeldrand, eine Angewohnheit, fast so berühmt wie ihr Tennis.
Ein Erbe, verwoben mit dem Spiel
Gemeinsam entwarfen Lenglen und Patou nicht nur Kleidung. Sie definierten neu, was es bedeutete, eine moderne Frau im Sport zu sein. Lenglens Auftreten auf dem Platz, selbstbewusst, elegant, unverblümt athletisch, wurde zum Symbol weiblicher Freiheit in einer Zeit, in der Emanzipation zum Herzstück des kulturellen Diskurses wurde.
Das war mehr als ein Modemoment. Es war die Geburt der Damensportmode: die Idee, dass sportliche Leistung und persönlicher Ausdruck zusammengehen können, stilvoll, kraftvoll, für immer eingewoben in die Geschichte des Tennis.
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